Warum kritisiere ich mich selbst?

Hallo zusammen,

zu meinem letzten Beitrag habe ich ein paar Fragen bekommen und die kann ich nicht beantworten ohne auf das Thema „Innerer Kritiker“ einzugehen. Wir beginnen heute mit einem Beispiel aus meinem Leben. Dazu kommen etwas Theorie, meine Kommentare und 2 tolle Videos.

Vor einigen Monaten habe ich mich entschieden sonntags in einem naheliegenden Park und auf dem Weg, wo ich mehrmals pro Woche jogge, Müll zu sammeln. Der erste Sonntag war sehr unangenehm. Ich war nervös, hektisch und versuchte so schnell wie möglich alles zu erledigen. Ich habe mich geschämt und meine Kapuze aufgezogen, damit mich keiner erkennt. Dabei habe ich mich oft bei dem Gedanken ertappt, dass ich erwarte, dass irgendjemand kommt und mich darauf anspricht, belächelt oder kritisiert. (In diesem Moment habe ich meine inneren Gedanken/Erwartungen nach draußen, auf meine Umgebung und andere Menschen projiziert.)
Es war so, als ob ich unter Beobachtung stehen würde, obwohl keiner da war. Wenn ihr die Trilogie „Der Herr der Ringe“ gelesen habt, dann kennt ihr „Saurons Auge“ oder „Allsehendes Auge“, das alles beobachtet. Es gibt noch Roman „1948“ von George Orwell mit der Parole „Big Brother is watching you!“ Mit so einem Gefühl habe ich mit der Aufgabe begonnen und das war nicht so leicht zu ertragen.
Ich fing an, nach einem Grund für das Gefühl zu suchen. Dann kam ein Gedanke in meinen Kopf herein: „Meine Mutter würde es nicht gefallen.“ Damit war die Sache geklärt. Für meine Mutti wäre es eine Schande, eine richtig große öffentliche Blamage gewesen, dass ihr Sohn so eine Arbeit macht. Wie das alles zusammenhängt, erkläre ich gleich.

Meine Eltern haben mir während meiner Erziehung sehr viele wichtige und nützliche Sachen mitgegeben. Ich meine hier Regeln, Verhaltensmöglichkeiten, Weisheiten wie das Leben funktioniert. Durch sie wurde ich zu dem, was ich jetzt bin. Ich bin dafür sehr dankbar und werde nie nachempfinden können, wie schwer das war, jemanden wie mich, großzuziehen. Als Erwachsener habe ich aber die Möglichkeit zu entscheiden, was ich von dem Erben weiterverwende oder liegen lasse. Ich habe meine Entscheidung getroffen.
Jeden Sonntag gehe ich jetzt nach draußen und sorge für ein wenig mehr Sauberkeit in meiner Umgebung, das macht mir wirklich viel Spaß und erzeugt ein schönes Gefühl.

Im Jahr 1964 veröffentlichte der amerikanische Arzt und Psychologe Eric Berne sein Werk „Spiele der Erwachsenen“ und erklärte da seine „Transaktionsanalyse“. Berne behauptete, dass jeder Mensch, egal in welchem Alter, seine Eltern in sich trägt. Menschen imitieren automatisch das Verhalten ihrer eigenen Eltern oder auch von ihren Vorbildern generell. Das heißt, sie kritisieren, korrigieren, weisen zurecht, bevormunden und bemuttern. Alle diese Verhaltensweisen fallen unter die Kategorie des Eltern-Ichs.

Das Eltern-Ich wird in ein fürsorgliches und ein kritisches unterteilt werden:
Das fürsorgliche Eltern-Ich ist hilfsbereit, manchmal selbstlos, versucht uns diplomatisch und pädagogisch zu leiten. Wir werden heute aber über den anderen reden.
Das kritische Eltern-Ich ist
bemängelnd, weiß alles besser, kritisiert, urteilt und vorurteilt, versucht alle per Befehl anzuleiten.
Ihr werdet ihn durch folgende Sprüche erkennen:

  • „Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass…“
  • „Lass den Scheiß, es ist nicht für dich!“
  • „Du weißt doch selbst, dass du es nicht schaffst… !“
  • „Bist du verrückt geworden? Auf keinen Fall!“
  • „Nein und nochmals nein!“
  • „Du musst immer daran denken, dass…“
  • „Was, schon wieder?!“
  • „Wenn ich Du wäre, dann…“
  • „Du bist so dumm/dick/hässlich!“

Eltern sind die ersten Idole in unserem Leben. Was sie sagen, prägt uns nachhaltig, vor allem in den ersten sieben Lebensjahren. Entscheidend ist, dass in diesem Alter Regeln und Befehle vom Kind ungeprüft übernommen werden, da es noch nicht in der Lage ist, Anweisungen und Regeln kritisch zu hinterfragen. Das Kind braucht eine Karkasse / Gerippe aus Regeln für sein Leben und nimmt alles, was von den Eltern kommt.

Die Zunge hat Macht über Leben und Tod (Sprüche 18, 21, Bibel)

Natürlich empfindet ein Kind Angst, wenn sein Verhalten in einer bestimmten Situation gemäß dem elterlichen Regeln- oder Moralsystem „falsch“ ist. Das heißt, Eltern können wütend werden oder es bestrafen. Aber das Kind möchte geliebt und nicht bestraft werden – was bedeutet, dass er den elterlichen Anweisungen folgt, was auch immer die sein mögen. Eine Anmerkung am Rande, die meisten Eltern denken und wollen ihren Kindern nichts Böses dabei. Dieses Verhalten haben sie von ihren Eltern geerbt und die wiederum von ihren. Es war mal früher so, dass ein Kind, das sich schämt, sich unterwirft und immer schuldig fühlt, einfacher zu leiten und handhaben ist und weniger Ressourcen benötigt.

Im Laufe der Zeit findet eine Integration statt, – Kinder nehmen nach und nach diesen  Richter-Elternteil in ihren Kopf auf und tragen ihn mit sich ins Erwachsenenalter. Das nennt man Introjektion. Und dann reguliert und kontrolliert der innere Kritiker, der bereits ein Teil von uns ist, uns genauso wie die Eltern in unserer Kindheit. Kurze Anmerkung; selbst wenn einige weise, nette und tolle Eltern diese Kritikerrolle nicht erfüllen, verhalten sich so andere Erwachsene aus seinem Umfeld gegenüber dem Kind.

Der kritisierende Elternteil rechtfertigt seine Anweisungen und Verbote aus Gründen der Moral und Rationalität. Tatsächlich beruhen, die vom kritisierenden Elternteil, auferlegten Regeln auf der Achtung der etablierten Autoritätspersonen oder Strukturen. (Um das besser zu verstehen, eine Frage an euch: „Wie verhält ihr euch gegenüber den Ärzten, Polizei, Richtern oder Staatsbeamten?“ Ängstlich, rebellisch, respektvoll?)
Das hält uns im Gehorsam gegenüber der Drohung, dass wir, wenn wir nicht gehorchen, aus unserem Stamm/Familie ausgeschlossen und ohne Liebe und Unterstützung allein gelassen werden. Diese uralte Bedrohung, die aus primitiven Zeiten stammte, verursacht bei fast allen Menschen immer noch Angst.

Der kritisierende Elternteil unterwirft uns den äußeren Autoritäten und gibt uns das Gefühl, dass es mit uns etwas nicht stimmt. So werden alle unsere Wahrnehmungen, Überzeugungen und Gefühle von uns selbst in Frage gestellt.

Ein Mensch, der unter innerem Kritiker leidet, wird ständig von einem empfindlichen Radar in der Außenwelt gelenkt. Gewohnheitsmäßig erwartet er von der Welt und den Menschen nur Kritik, Abwertung, Ablehnung und Angriff, denn das hat er fast immer in seiner Kindheit bekommen. Das bestätigt seiner Weltsicht und sein Eigenbild. Dementsprechend ist alles in Ordnung, wenn die Außenwelt nur angreift.

Wenn aber etwas Positives kommt, dann ist es seltsam, es kann nicht sein und der Mensch beginnt nach einem versteckten doppelten Boden mit einer bösen Überraschung zu suchen. Und wer sucht, wird fündig. Ja, es gibt objektive externe Faktoren, die diese vertraute Umgebung stören können. Zum Beispiel Respekt, Anerkennung, Bewunderung und andere Phänomene, die nach Meinung des inneren Kritikers unzulässig sind. Wir haben es nicht verdient. Daher muss der Konflikt gelöst werden und dafür hat der Innere Kritiker seine Methoden. Wir fühlen uns unwohl bei Komplimenten, Lob, Dankbarkeit, Entschuldigungen. In schweren Fällen – fühlen wir uns sogar beleidigt oder betrachten solches Feedback ernsthaft als Spott.

Am Anfang gibt es elterliche Vorstellungen über richtig und falsch, aus denen das
Super-Ego des Kindes gebildet wird. Die Gesamtheit der „richtigen“ Gedanken, Gefühle und Handlungen schafft ein Bild des „Ideals einer Person“ im Kopf. Zum Beispiel verstehen wir – Erwachsene, dass das absolute Ideal unerreichbar ist. Der Mensch mit einem starren inneren Kritiker versteht es nicht. Er denkt: „Wenn ich nicht wie mein Ideal aussehe, fühle, habe, will oder weiß, dann bin ich daran schuld, bin schlecht und soll mich schämen. Dann verdiene ich es nicht, glücklich zu sein.“ Das erzeugt permanente Schuld- und Schamgefühle.

Die Menschen, die anderen viel kritisieren, bevormunden, bewerten, zurechtweisen usw., haben in sich einen starken Inneren Kritiker. Auch, wenn sie das nur in ihrem Kopf tun.

Was können wir denn dagegen tun?

Ich sage gleich, dass den inneren Kritiker ganz loszuwerden, wird leider nicht klappen.
Er gehört schon zu unserer Persönlichkeit und beinhaltet auch viele positive und wichtige Regeln für das Leben. Wir können aber seinen starren, schmerzhaften Griff etwas lockern.

1. Wenn ihr wirklich viel erreichen wollt, empfehle ich euch mit einem Psychologen zu arbeiten. Dies ist im Prinzip das Beste, was ihr für euch tun könnt, wenn das harte
Eltern-Ich euch fest im Griff hat.

2. Wenn ihr spürt, dass ihr vor eine Blockade steht, euch unwohl in einer Situation fühlt oder einen Konflikt habt, fragt euch selbst: „Was würden mir meine Eltern oder Großeltern in diese Situation sagen oder tun?“ Würden sie mich kritisieren, bevormunden, mir das verbieten? Es kann sein, dass ihr etwas findet und nur einfaches Bewusstwerden von einer inneren Kritik, kann sehr hilfreich sein und vom Unwohlgefühl befreien.

3. Unterscheidet zwischen Schuld und Verantwortung. Verantwortung ist freiwillige Übernahme von einer Verpflichtung und Schuld ist eine moralische Bewertung der Situation, wenn etwas nicht geklappt hat, wie wir es erwartet haben. Die Schuldgefühle sind nicht immer notwendig! So viele Sachen gehen täglich in der Welt und in unserem Leben schief. Wollen wir wirklich an allem schuld sein? Als Einzige, was in Frage kommt, wir können vielleicht daraus lernen und nächstes Mal anders machen.

4. Lernt euch selbst von euren Handlungen oder Verhalten zu trennen. Nicht „Ich bin schlecht, weil ich einen Termin vergessen habe“, sondern „Ich habe den Termin vergessen, aber ich bin trotzdem immer noch gut.“

5. Baut ein Gegengewicht zum Kritiker auf – das innere fürsorgliche Eltern-Ich, das das Gegenteil sagt. Das soll stärker und großer als Innerer Kritiker werden. Seid nett zu euch, lobt, liebt, bewundert euch, findet immer etwas Positives, nimmt alles mit Humor. Es gibt eine Methode, wie wir das machen können. Wenn der Kritiker beginnt zu kritisieren, nehmt ein Blatt Papier und Stift und schreibt alles auf, was er sagt. Sobald er nichts mehr hat, dann schnappt euch noch ein leeres Blatt und schreibt Satz für Satz das genaue Gegenteil von dem, was vom Kritiker gerade herausgekommen ist. Das hilft. Übrigens, wann habt ihr euch selbst letztes Mal etwas Nettes geschrieben?

4. Befreit euch von der Gewohnheit euch mit den Besten zu vergleichen. Oft erzählen sie nur, dass sie etwas haben oder können und das stimmt nicht. Schraubt eure Erwartungen herunter, es wird sowieso nie kommen, wie wir es erwarten. Hört auf, euch ständig zu bewerten. Zügelt etwas euren Perfektionisten. Lieber jetzt etwas nicht perfekt zu machen, als niemals, aber perfekt. Seid öfter stolz auf euch, ihr habt das verdient.

Ich weiß, dass diese Arbeit an sich selbst sehr intensiv, manchmal unangenehm und langwierig ist. Das Ergebnis wird euch aber Jahrzehnte glücklichen und entspannten Lebens bescheren. Und noch etwas; wir haben jetzt eine Möglichkeit unseren Kindern einen starren und starken kritischen Eltern-Ich zu ersparen, das könnte deren Leben wesentlich erleichtern. Die Entscheidung liegt bei euch. Viel Erfolg!

P.S.
Es wäre schön, sobald wir jemanden kritisieren oder fertigmachen wollen, dass wir daran denken, dass in diesem Menschen auch noch ein kleines Kind innewohnt, davor Angst hat und wir ihm damit weh tun.

Euer Roman

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Über Roman Mendelev

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